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Infrarot-Fotografie – was es ist und wie es gemacht wird

Ich habe ein kurzes Q&A zusammengestellt für all jene, die wissen wollen, was Infrarot-Fotografie genau ist und welche Kameras ich dafür verwende.

 

Was ist Infrarot-Fotografie und was fasziniert dich daran?

Infrarot ist eine für den Menschen unsichtbare Strahlung, die auf dem elektromagnetischen Spektrum ans (sichtbare) rote Licht anschliesst. Umgebaute Digitalkameras können diese Strahlung aufzeichnen. Infrarot-Fotografie ist fantastisch, surreal und aussergewöhnlich. Man erhält Bilder, die aus einem Traum oder von einem fernen Planeten stammen könnten.

Ich mag den Überraschungseffekt, denn oft weiss ich nicht, was herauskommen wird, wenn ich durch den Sucher schaue. Der Grund ist folgender: Vegetation, Wolken oder auch Gestein reflektieren Infrarot anders als sichtbares Licht. Pflanzen werfen Infrarot-Strahlung besonders stark zurück, weshalb Pflanzen auf IR-Fotos oftmals weiss erscheinen.

Mir gefällt auch, dass Infrarot-Fotografie kaum genutzt wird von Fotografen. IR ist bei vielen verpönt, weil die Fotos kitschig wirken können. Und es ist gar nicht so einfach, IR-Fotos zu produzieren. Man benötigt umgebaute Kameras, spezielle Filter und auch Bearbeitungsprogramme wie Photoshop. Denn in den meisten Fällen ist das Bild noch nicht fertig, wenn man es von der Speicherkarte auf den Laptop lädt. Es braucht ein wenig Nachbearbeitung.

 

Was für Kameras verwendest du denn?

Es sind normale Spiegelreflexkameras, denen der Infrarot-Blocker entfernt wurde. Ich nehme mal an, dass jede Kamera diesen Blocker eingebaut hat, damit die Fotos Szenen auch so zeigen, wie sie vom Menschen wahrgenommen werden: Ohne Infrarot-Einfluss.

Ich habe die meisten meiner Kameras bereits umgebaut gekauft, allesamt im Internet. Es gibt eine Reihe von Verkäufern, etwa in Australien oder den USA, welche professionell normale Kameras in IR-Kameras umbauen. Ich besitze nun eine Nikon D70, eine Nikon D3200 und eine Sigma SD1 Merrill. Die Sigma ist die einzige Kamera, die man selbst innert Sekunden problemlos zu einer IR-tauglichen Kamera umbauen kann.

 

Kann man mit solchen Kameras auch im Dunkeln sehen?

Nein, dafür benötigt man spezielle Geräte, so genannte Nachtsichtgeräte/Restlichtverstärker oder Wärmebildkameras. Bei Restlichtverstärkern wird vorhandenes schwaches Licht sowie ein Teil des IR-Bereichs durch eine spezielle Technologie verstärkt und umgewandelt. Bei Wärmebildkameras wird so genanntes fernes Infrarot und damit Wärmestrahlung sichtbar gemacht.

Weder das eine noch das andere eignet sich für meine Fotografie. Ausserdem sind solche Geräte extrem teuer. Ein irischer Fotograf und Künstler namens Richard Mosse hat aber jüngst mit solchen Technologien ein künstlerisch-journalistisches Projekt umgesetzt (Link).

 

Zurück zur normalen Infrarot-Fotografie. Reicht denn eine umgebaute Kamera, um typische IR-Fotos mit weissen Bäumen zu schiessen? Oder braucht man noch Filter zusätzlich?

Es kommt darauf an, ob bereits ein IR-Filter intern an Stelle des Blockers installiert wurde oder nicht. Entfernt man nur den Blocker, erhält man eine so genannte Vollspektrum- oder Full-spectrum-Kamera, welche das ganze Lichtspektrum abbildet, also vom ultravioletten Licht (UV) übers sichtbare Licht bis hin zum Infrarot-Licht.

Vollspektrum ergibt interessante Aufnahmen, aber es zeigt nicht die typischen IR-Effekte wie weisse Vegetation oder schwarzer Himmel. Um diese Merkmale zu erhalten, benötigt man zusätzlich einen IR-Filter, der festlegt, wie viel sichtbares Licht zusätzlich zum IR-Licht passieren kann. Dieser wird, wie gesagt, entweder intern verbaut oder aber als in Form eines üblichen Filters vorne ans Objektiv geschraubt.

Diverse Hersteller wie Hoya oder Tiffen haben IR-Filter im Angebot. Den typischen digitalen IR-Effekt erhält man mit einem Filter im Bereich um 750 Nanometer. Dieser lässt Licht ab 750 Nanometer passieren. Der Nanometer-Wert gibt die Frequenz der Wellenlänge an. Blaues Licht hat beispielsweise eine Wellenlänge um die 400 Nanometer, rotes um die 600. Infrarot beginnt im Bereich von rund 800 Nanometer.

750 Nanometer bedeutet also, dass nur noch wenig sichtbares Licht den Sensor erreicht. Je höher der Wert, desto geringer ist der Farbumfang und desto stärker sind die Kontraste. Man kann auch 570nm-, 630nm- oder 850nm-Filter kaufen. 570nm entspricht einem Orange-Filter, 630 einem tiefroten Filter und der 850nm-Filter ist schwarz und lässt nur noch Infrarot-Licht hindurch, was zur Folge hat, dass die Fotos monochrom herauskommen.

 

Welchen Filter kannst du empfehlen?

Ich kann nur sagen, was mir persönlich am besten gefällt. Ich mag den 760nm-Look am meisten. Die weissen Bäume, die mehrschichtigen und akzentuierten Wolken, die tiefblauen bis schwarzen Himmel in Kombination mit dem geringen Farbumfang finde ich schön. 760nm-Filter kann man etwa von Hoya, Tiffen oder B+W kaufen. An zweiter Stelle kommt für mich der Aerochrome-Look, den man digital eigentlich nur mit einer Sigma-Kamera erreichen kann.

 

Aerochrome?

So wurde ein Kodak-Film genannt, der heute leider nicht mehr produziert wird und dessen Restposten zu hohen Preisen gehandelt werden. Er ist für seine satten Magenta- und Rotttöne in der Vegetation und seine dunkelblauen, oft ins Cyan gehenden Himmel bekannt.

Der Film wurde ursprünglich in den 40er-Jahren von Kodak fürs US-Militär entwickelt. Die Jets flogen über bewaldetes Feindesland und schossen Fotos mit solchen Kameras. Scheinbar getarnte Feindstellungen im Unterholz wurden sichtbar, weil die künstlichen Strukturen inmitten der stark abstrahlenden Umgebung stärker auffielen.

Während der Hippie-Zeit genoss der Infrarot-Film auch bei Künstlern grosse Beliebtheit. Zum Beispiel gibt es Alben von Jimi Hendrix oder Black Sabbath, deren Coverbilder mit Aerochrome-Film gemacht wurden.

Jüngst hat dieser Film wieder etwas an Popularität gewonnen, was vor allem an Richard Mosse liegt, der den Kongo-Konflikt mittels Aerochrome dokumentiert hat. Aber eben, es gibt ihn kaum mehr.

 

Aber du kannst ihn digital kopieren?

Nicht nur ich. Es ist so, dass Aerochrome lange so etwas wie der heilige Gral für Fans der Infrarot-Fotografie war. Viele wollten ein digitales Aerochrome kreieren, doch es gelang niemandem. Ich erinnere mich an diverse Foren im Internet, etwa auf Flickr, in denen seitenlang über mögliche Techniken diskutiert wurde. Ein schlauer IR-Fan namens Gary Radford hat schliesslich vor wenigen Jahren entdeckt, dass der Effekt mit den meisten Sigma-Kameras ganz einfach erreicht werden kann.

Es funktioniert, weil Sigma-Kameras einen speziellen Sensor enthalten, der das Licht anders kartografiert als die Sensoren der Konkurrenz. Die Anwendung ist dann sehr simpel: Man muss bloss den IR-Blocker entfernen, was von Hand innert zwei Sekunden gemacht werden kann, und anschliessend den Weissabgleich manuell mit einer Graukarte festlegen. Je nach Kamera-Modell (beispielsweise die SD14) muss man am Objektiv zusätzlich einen Grünfilter anbringen.

Mit ganz minimalen Anpassungen bei Photoshop ist das Foto dann tatsächlich kaum mehr vom Original-Aerochrome zu unterscheiden.

 

Und der Effekt kann nur mit Sigma-Kameras erreicht werden?

Jein. Grundsätzlich kann man auch mit einer Nikon und Canon oder anderen Kameras rote Vegetation hinkriegen. Das geht dann mit einem 570nm-Filter sowie Anpassungen in Photoshop.

2017 fand ich eine weitere Variante heraus, die einfacher ist. Dazu benötigt man einen starken Cyan-Filter, etwa jenen von Cokin, sowie einen Polarisationsfilter. Die Vegetation kommt dann tatsächlich rötlich heraus, und das direkt aus der Kamera. Ich habe dann mit diesem Filter Videos aufgenommen und diese mit Adobe Premiere leicht angepasst.

Das Resultat finde ich ziemlich überzeugend (Link), obschon die Farbvielfalt nicht an Aerochrome oder dessen Sigma-Emulation heranreicht. Der grosse Nachteil der Sigma-Kameras ist, dass man damit nicht filmen kann, und was gäbe es Cooleres als Video im Aerochrome-Stil, nur digital?

 

Was kannst du Fotofans empfehlen, welche in die Infrarot-Fotografie einsteigen möchten?

Es kommt auf das Budget an. Sparsamen empfehle ich eine bereits umgebaute Nikon D70 Vollspektrum. In meinen Augen ist es noch immer eine der besten Kameras für IR. Die gibt es auf Ebay für 300 Franken oder so. Zusammen mit einem Nikon 50mm f/1.8D (ca. 100 Franken) kreiert sie wunderbare IR-Fotos mit starken Effekten. Dann benötigt man noch Filter, die man auch relativ günstig auf Ebay erwerben kann.

Ich mag das einfache Handling der D70, dass sie gut in der Hand liegt, und dass die Bilder, vor allem mit der 50mm-Linse, einen coolen Retro-Look mit starker Sättigung und Körnung ergeben. Lobenswert ist bei der D70 auch, dass der Akku lange hält – im Gegensatz zur Nikon D3200, die ich momentan am meisten verwende.

Hauptvorteile der D3200 ist die grössere Megapixel-Zahl und dass man Live-View hat. Live-Vorschau ist fast zwingend, wenn man sehr dunkle Filter (ab 700nm) verwenden möchte, denn durch den Sucher sieht man mit solchen Filtern nichts mehr. Zudem kann man mit der D3200 auch filmen. Als Allround-Objektiv zur D3200 würde ich das Nikon 16-85mm VR empfehlen. Wer günstige Filter sucht, dem empfehle ich die Marke Zomei.

Wer nur auf den Aerochrome-Look steht, der braucht bloss eine Sigma, am besten die inzwischen relativ günstig zu erwerbende SD14. Ach ja, ein Polarisationsfilter sollte Standard sein, immer. Er gibt den Fotos mehr Kontrast und Farbe und dem Himmel mehr Schwärze.

 

Was ist denn eigentlich UV-Fotografie? Machst du das auch?

Erst 2018 habe ich mit UV-Fotografie begonnen. Ich bin fasziniert davon, aber die Ausführung ist etwas schwieriger als beim IR. Man verwendet ebenfalls Vollspektrum-Kameras, aber schraubt dann statt eines IR-Filters einen UV-Filter vor die Linse. Die Belichtungszeiten sind jedoch viel länger als beim IR, weshalb man immer ein Stativ benötigt.

Der Look ist komplett anders als beim IR, man könnte ihn als gegenteilig bezeichnen: Vegetation wird schwärzlich und der Himmel sehr hell und neblig. Zudem sind die Fotos eigentlich nur monochrom interessant. Momentan bin ich bezüglich UV am ausprobieren und testen.

2 Comments

  1. Räss Brigitta
    am 18.08.2020

    Guten Tag. Ich habe eine Sigma Merrill SD1 mit IV Filter für die Infrarotfotogragie.Ich finde einfach keine Anleitung um die Bilder richtig zu bearbeiten. Vielleicht können sie mir helfen, wäre schön 😀
    Viele Grüsse Brigitta Räss

    Reply
    • Christoph
      am 24.08.2020

      Klar – was müssen Sie wissen? 🙂 Die neuesten Posts betreffen genau dieses Thema. Es kommt ein wenig auf den Filter an, den Sie haben. Können Sie mir das Modell rsp. den Nanometer-Wert angeben?

      Reply

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